Wie aus einem Papiertiger ein zahnloser Tiger wird

Offener Brief Teil II: Autor: Christoph Rüedi

Offensichtlich hat die öffentliche Hand – das BVET – erkannt, dass die Ausbildung von 50`000 Hundehalter pro Jahr nicht so trivial in die Praxis umzusetzen ist, wie das auf dem Schreibtisch aussehen mag. Insbesondere ist die Sicherung eines hohen Qualitätstandards genügend vieler Ausbildner wie es das Departement Leuthard auf meine Anfrage im Juli an die Bundesrätin verlauten liess, keinesfalls gegeben! Auch die Ausbildung der Ausbildner kann schliesslich nicht erzwungen werden: manch erfahrener guter Hündeler wird es sich zweimal überlegen, ob er sich all die geforderten Ausbildungsvorlagen wirklich auferlegen will (das meiste hat er bereits in früheren Kursen gelernt) oder ob er sich zurückzieht und nur noch im privaten Kreis einer kleinen Anzahl Hundeführern sein Wissen zukommen lässt. Somit laufen wir Gefahr eine Gruppe von Neueinsteigern auszubilden (theoretisch mit fraglicher praktischer Erfahrung!) und auf viel bestehendes Know How zu verzichten – ob wir uns das leisten können? Nun der Kompromiss: in vier Stunden ist ein uninteressierter oder uneinsichtiger Hundehalter noch viel weniger auszubilden als in acht oder zehn Stunden. Die Massnahme taugt also bestenfalls gar nichts!

Wir sollten deshalb lieber jetzt als später zur Einsicht kommen, dass Ausbildung für Hundehalter ebenso wenig wie pädagogische Ausbildung für angehende Eltern auf dem freien Markt beliebig erhältlich ist. Der Hundeführer, der Hilfe braucht und sich dessen auch bewusst ist, lässt sich nämlich heute bereits über mehrere Monate oder Jahre in kynologischen Vereinen oder privaten Hundeschulen weiterhelfen.

Dazu kommt, dass wie im letzten Schreiben erwähnt, viele Probleme nicht Ausbildungsprobleme sind, sondern mangelnde (Eigen) Verantwortung. Als Beispiel aus dem Strassenverkehr: Einem Raser, der seinen Führerschein kürzlich gemacht hat, kann durch Ausbildung (die er ja gerade mit Erfolg beendet hat) nicht beigekommen werden, was uns allen einleuchtet. Er wird allenfalls strafrechtlich verfolgt und erhält bei massivem Vergehen einen beschränkten oder unbeschränkten Ausweisentzug. Im Wissen um diese Tatsache, mässigen die meisten von uns freiwillig die Geschwindigkeit. Der tödliche Unfall in Glattbrugg ist ähnlich zu sehen: der Hundehalter hat seine Hunde vorsätzlich so gehalten, dass sie mit unserem sozialen Umfeld nicht vertraut wurden („asozial“) und obwohl dies den Behörden mehrmals gemeldet wurde, wurde nicht eingeschritten bis etwas passiert ist. An diesem Beispiel sollten wir lernen, dass durchaus Handlungsbedarf besteht, aber auf verschiedenen Ebenen und in einer vernünftigen Form!

Die heutige Politik der Überreaktion ist immer noch auf die Wirkung von Boulevardblättern wie dem „Blick“ zurückzuführen, welche in aufreisserischer und realitätsverzerrender Art den Hund als gefährlich oder böse ins Zentrum stellen. Dass diese Probleme vom Menschen gemacht sind, konnte man dabei fast nie lesen. Diese populistische Art der Journalistik führte zu drei Haupteffekten:

Jeder, der Hunde nicht besonders mag, dachte dies sei der richtige Moment um diese an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Einige Politiker nahmen diese für die Boulevardzeitungen lukrativen Stories als Erfolgsrezept für eine erfolgreiche politische Karriere. Vielen Leuten ist durch das erzeugte Negativbild der normale Zugang zu Hunden abhanden gekommen, was öfter zu Überreaktionen und Stressreaktionen solcher Personen bei Hundekontakt geführt hat, womit mancher (normale) Hund definitiv überfordert wird!

Gleichzeitig konnte die Kommerzialisierung der Hundepolitik (Ausbildungszwang für ca. 50`000 Hundehalter im Jahr, was Kosten in zweistelliger Millionenhöhe verursacht) auch einige Kynologen überzeugen sich hier zu beteiligen. Die SKG, als Vertreterin von vielleicht 70`000 Hundehaltern hat hier leider auch kräftig mitgemacht, obwohl auch von ihrer Seite die praktische Folge dieser Gesetzgebung kaum besser lösbar sein wird, als aus Sicht von BVET oder privaten Hundeschulen. Man sieht auch bereits im Vorfeld, dass von solchen Stellen (in der Presse) unqualifizierte Bemerkungen im Zusammenhang mit Kynologie fallen (z.B. Interpretation von „Aggression“ oder Risikoanalysen). Diese Tatsache ermutigt uns nicht, gelassen einem Zustand entgegenzusehen, wo selbsternannte Kynologen ein bürokratisches Kontrollsystem aufbauen möchten!

Ausbildung als tierschützerisches Argument? Es ist völlig klar, dass zur artgerechten Tierhaltung auch ein fundiertes Wissen über die jeweilige Spezies vorhanden sein sollte. Nur gilt das für jede Tierart (auch Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten, Katzen, Vögel, Pferde usw.) und der Auslöser der ganzen Polemik war ja – wir erinnern uns – der tragische Todesfall in Glattbrugg. Nun gehört aber gerade der Bereich Hunde nicht zu den grossen Risiken (weit unter Strasseverkehr, Skifahrer, Waffenträger etc.) wie professionelle Risikoanalysen von Versicherungsexperten zeigen. Dazu kommt, dass das Tierschutzgesetz, wie der Name sagt, zum Schutz von Tieren steht und nicht für Menschen!

Was sind mögliche Alternativen zur heutigen Hundepolitik?

1. Förderung von Ausbildung aller Hundehalter auf freiwilliger Basis durch bestehende Strukturen (Vereine, Hundeschulen) durch finanzielle Anreize der Behörden (Erlass oder Teilerlass der Hundesteuer bei Erreichen eines bestimmten Ausbildungslevels).

2. Förderung von kynologischem Know How in Vereinen, Hundeschulen etc. durch wissenschaftliche Gremien (Ethnologen, erfahrene Kynologen).

3. Permanente Überprüfung (durch Stichproben) aller Hundezuchten auf minimale Qualitätsstandards (Haltungsform, Betreuung, Sozialisierung, seriöse Auswahl der Welpenhalter etc.). Erarbeiten von Weiterbildungsmöglichkeiten für alle Züchter, um diese minimalen Standards zu erreichen (alle Züchter, nicht nur SKG).

4. Verwendung der Hundesteuer für kynologische Anliegen (s. oben) und nicht zu 90 % zweckentfremdet! Zurückhaltung im Erheben von Hundesteuer: sonst müsste jeder Freizeitsport unter eine Luxussteuer gesetzt werden!

5. Ausschöpfen der vorhandenen Gesetze (kantonal) für Massnahmen gegenüber verantwortungslosen oder kriminellen Hundebesitzern (bis zum Hundehalteverbot im Extremfall, z.B. Drogenhändler, Zuhälter etc.).

6. Eventuell Einschränkungen für Ersthundehalter rsp. Auflagen an Züchter bei Hundeverkauf an unerfahrene Personen.

7. Absprache unter den Kantonen (für die Wirtschaft ist das Schaffen von Inseln in dieser Beziehung kaum förderlich).

Dadurch, dass solche Informationen möglichst breit vertreten und wiederholt werden, bleibt die Hoffnung, dass in der Politik noch rechtzeitig erkannt wird, dass die derzeitigen Massnahmen unverhältnismässig sind und der Realität nicht standhalten werden. Es ist noch nicht zu spät, diese unvernünftige Politik zu revidieren, damit der normale Schweizerbürger auch in Zukunft in einem liberalen Land leben kann und nicht zunehmend durch übermässige Bürokratie schikaniert wird (s. „Apparatschnik“ im alten Ostblock!). Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass der Hundehalter der Zukunft nicht zu einer Randgruppe gehört, sondern wie bisher mit gesundem Selbstvertrauen und Freude zusammen mit seinem Hund auftreten kann.

Kontakt

Christoph  Rüedi

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