Hundehalter gestern, heute und morgen

Offener Brief Teil I:  Autor: Christoph Rüedi

Seit dem tragischen Beissunfall in Oberglatt im Dezember 2005 ist auch in der Schweiz (wie schon zuvor in Deutschland und anderen Ländern) eine hitzige politische Diskussion zum Thema Hund und Hundehalter entbrannt. Leider wird die Diskussion meist emotional und wenig sachlich geführt und es melden sich sehr viele Politiker zu Wort, die über eine ungenügende Sachkenntnis verfügen.

 

Die Entwicklung der letzten Jahre bezüglich Hundehaltung bewegt mich dazu, diesen offenen Brief ins Internet zu stellen. Durch aufreißerische Artikel bestimmter Boulevardzeitungen wurde auf Kosten von uns Hundehalter, aber vor allem unserer Hunde das Bild des ältesten und treuen Haustieres und Begleiters von uns Menschen stetig verunglimpft und zu einem Sündenbock degradiert!

 

Die Suche nach Sündenböcken ist ja seit je eine menschliche Eigenschaft, entspricht aber immer einer verzerrten Wahrnehmung der Realität! Man stürzt sich auf ein Thema um Schlagzeilen zu machen (Auflage steigern oder sich als Politiker zu profilieren!). Leider liessen sich auch einige Kynologen verleiten, sich auf die scheinbar unvermeidliche Argumentation einzulassen. Die Motive sind sicher sehr unterschiedlich: die Einen mögen sich sagen, wir wollen Schlimmeres verhindern und machen in der Hundepolitik freiwillig (fragwürdige) Zugeständnisse, die anderen riechen (zu recht) eine Zunahme von Macht oder Geld, falls jeder Hundehalter zu Ausbildungen gezwungen wird.

 

Wie überall ist natürlich auch hier eine Spur Wahrheit zu finden: Es gibt ebenso verantwortungslose Hundehalter wie es verantwortungslose Autolenker gibt. Dieser Misstand lässt sich aber nicht allein durch Ausbildung korrigieren, sondern auch der Vollzug müsste dort wahrgenommen werden, wo eine ungenügende Tierhaltung vorliegt. Wahrscheinlich hätte der Vorfall in Oberglatt schon vor drei Jahren mit bestehenden Gesetzen verhindert werden können! Eine weitere Zunahme von Gesetzen und Auflagen bringt einen riesigen administrativen Aufwand von Behörden mit sich (wer bezahlt das?) und das Vollzugsdefizit wird mit Sicherheit noch größer! Die fehlbaren Hundeführer können sich weiter verstecken – dann vielleicht sogar hinter einem amtlichen Kursausweis!

 

Man sollte nicht vergessen: Eigenverantwortung kann nicht in einem Kurs gelernt werden!

 

Es ist absolut einsehbar, dass Veränderungen in unserer Gesellschaft in den letzten zehn oder zwanzig Jahren auch Änderungen in der Hundehaltung erfordern. Dass wir aber plötzlich alles über Behörden regeln sollen und alle Hundehalter durch Ausbildungszwang zu ihrem Glück kommen sollten, entspricht eher einem revolutionären Gehabe oder Umsturzversuch (bestehender Strukturen) als einer stetigen Anpassung nach Bedarf. Viel besser bewährt sich in der Praxis die vorhandenen Ressourcen (Vereine, Hundeschulen, kynologische Organisationen) durch Ausbildungsangebote zu fördern und finanzielle Anreize zu schaffen – beispielsweise Erlass von Hundesteuer bei Erreichen eines bestimmten Ausbildungslevels. Diese sanfte Lenkung würde ohne riesigen Beamtenapparat mit weniger Geld eine weit effizientere Wirkung zeigen!

 

Dadurch, dass durch Medien und Politiker verschiedene Probleme miteinander vermischt werden, wie Vollzugsprobleme der Behörden versus vermeintliche Gesetzeslücken, verantwortungslose Hundehalter versus überforderte Hundehalter, kriminelle Halter versus gefährliche Hunde, wird für den Laien die Beurteilung von Fragen über Hundehaltung und allfälligem Handlungsbedarf praktisch unmöglich.

 

Hier wird es die Aufgabe von uns Hundehalter sein, durch seriöse Information die Bevölkerung aufzuklären.

 

Die Forderung, alle oder zumindest Neuhundehalter müssten eine praktisch Ausbildung absolvieren (gegen einen theoretischen Kurs ist, wenn fachlich überzeugend, nichts einzuwenden), bewirkt folgerichtig, dass erstens eine riesige Anzahl von Hundeteams ausgebildet werden müssten und somit auch entsprechend viele Ausbilder benötigt würden. Bei 500'000 Hundehalter ergibt das beeindruckende Zahlen! Aus meiner Erfahrung ist gerade der Sektor Hundeerziehungskurs das anspruchsvollste Thema für einen Hundetrainer. In unserem Verein rechne ich mindestens mit drei bis fünf Jahren praktischer und theoretischer Ausbildung bis ein Ausbilder eine solche Aufgabe übernehmen kann. Er muss dazu über einen gewinnenden Charakter, didaktische Fähigkeiten und theoretische Kenntnisse verfügen. Angesichts solcher Ansprüche zweifle ich an der Machbarkeit dieses politischen Wunschgedankens!

 

Wie die Entwicklung in anderen fehlgeleiteten Gebieten, wie beispielsweise dem Kanton Freiburg bereits aufzeigt, hat sich weitgehend bestätigt, was voraussehbar war:

Mit einem riesigen administrativen Aufwand und der Ernennung von noch mehr sogenannten Experten wird dort bereits versucht, einen kleinen Anteil der Hunde auf Verhaltensauffälligkeit zu testen. Dabei ist schon in der Auswahl der Hunde eine Willkür zu erkennen.

 

Ähnliches zeigt sich bezüglich der Hundehalterprüfung, wo „Experten“ in wenigen Tagen ausgebildet wurden. Einige dieser „Experten“, welche Kurse und Prüfungen dazu anbieten, können selbst ihre eigenen Hunde nicht von der Leine lassen!

 

Kurz es wird viel Geld (Millionen im zweistelligen Bereich) umgesetzt werden, ohne dass Qualität geboten würde. Dazu kommt, dass Leute, welch zu Kursen gezwungen werden, sehr schwer zu motivieren sind! Wir riskieren somit, uns in einigen Jahren, trotz riesigem Aufwand, lächerlich oder unglaubwürdig zu machen!

 

Ich bin eigentlich von der SKG auch insofern enttäuscht, als ich kein wissenschaftliches Fundament erkenne: wichtige Fragen wie Welpenaufbau, nationale Hundepolitik werden scheinbar nur in eigenen Reihen diskutiert. Die Halterprüfung ist aus Programmen anderer Nationen abgeleitet worden und hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.

 

Wir verfügen in der Schweiz über hochkarätige Wissenschafter / Ethnologen und lizenzierte Hundeschulen, sowie einige hochbegabte und erfolgreiche Hundetrainer. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die Weichenstellung in dieser wichtigen Phase (und auch vorher) nur über SKG – Leute und – Vertraute geführt wurde, wenn man sich doch des Stellenwertes der Sache bewusst sein sollte.

 

Es ist für uns auch kein Vorteil, wenn unsere vermeintlich grösste Lobby, die SKG sowie auch andere Instanzen eine solch restriktive Politik unterstützen, welche auf Gesetze, Vorschriften und Bevormundung durch den Staat setzt. Die schlechten Hundehalter werden dadurch keineswegs dezimiert (wir haben in den letzten drei Jahren eine markante Zunahme von sogenannten Kampfhunderassen / Molosser in ländlichen Gebieten gerade durch junge, unerfahrene Leute erfahren!).

 

Eine zentrale Säule der Hundehaltung ist und bleibt, wie gesagt, die Eigenverantwortung. Es gibt aber keinen Test, der die Eigenverantwortung erfassen könnte!

Verantwortungslose Hundehalter zu erfassen ist aber Aufgabe von Behörden und Justiz. Hier besteht aber bereits heute mit den bestehenden Gesetzen ein Vollzugsproblem! Dieses Vollzugsproblem wird durch immer mehr Gesetze nicht kleiner werden! Noch schlimmer wäre, den Juristen das Feld zu überlassen, durch Einführen einer Gefährdungshaftung, wodurch Nichthundehalter von jeder Sorgfaltspflicht befreit würden – kann dies Sinn einer verantwortungsbewussten Politik sein?

Ein weiterer Punkt: Hundehalter bezahlen eine willkürliche Luxussteuer, welche scheinbar nicht nur nicht hinterfragt wird, sondern z.T. um ein mehrfaches erhöht wird! Man muss sich fragen, was der Hundehalter dafür erhält? Zum Beispiel eigenes Gelände (ohne Velofahrer und Jogger) oder Gelände für Ausbildungszwecke usw.

 

Das Ziel der SKG – Leitung sollte nicht sein, medienwirksame Auftritte für sich selber zu machen, sondern unsere Rechte zu erstreiten! Anstatt zu reagieren und Kompromisse zu machen, sollten wir agieren und machbare Vorschläge und Standards setzen (auf hohem kynologischen Niveau!).

 

In der Sache wird hier zu viel intern Macht und Geld verteilt, anstatt zukunftsorientiert die Hundehaltung in der Schweiz zu unterstützen!

 

Obligatorische Bildungsgänge sollten nur auffälligen Hundehaltern vorgeschrieben werden. Wer tierquälerisch oder grobfahrlässig mit seinem Hund umgeht sollte zu einem begrenzten oder unbegrenzten (je nach Schwere des Falls) Halteentzug verurteilt werden (Vollzug!).

 

Meine Vorschläge sind:

 

  • einen gut fundierten theoretischen Kurs in der Schweiz für alle Neu - Hundehalter anzubieten
  • Die praktische Ausbildung von allen Hundehaltern zu unterstützen und durch (teilweise) Befreiung der (willkürlichen Luxus-) Hundesteuer bei Erreichen eines gewissen Levels finanziell attraktiv zu machen.
  • Die Ausbildung der Züchter zu fördern, ohne gleich einen Studiengang zu fordern: Erreichen von Inhalten und nicht von Stunden!

Gerade Nichthundehalter, die aus irgendwelchen Gründen Hunde nicht mögen, profitieren von einer sachlichen und liberalen Politik (kein aufgeblasener Kontroll- und Staatsapparat) letztlich auch mehr. Wunder sind nämlich von der aktuellen Politik nicht zu erwarten!

 

Es ist zwar bereits fünf nach zwölf, trotzdem liegt es an uns, mit vielen Gleichgesinnten zu versuchen, Politiker und Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, dass Hundepolitik nicht in die Hände von Boulevardpresse, erfolgsorientierten Politiker oder Macht- und Geld- orientierten Pseudokynologen gehört. Der Hund ist ein treuer Begleiter vieler ehrbarer Bürger und nur eine Politik mit Respekt vor allen Kreaturen der Natur und den ehrlichen Bürgern wird unser Land und ihre Werte bewahren oder weiter bringen. Hans Dürrenmatt hat einst in seiner Ansprache beim Besuch von Staatspräsident Vaclav Havel gesagt: wir sind ein Volk von Gefangenen und Gefangenenwärtern! Sollte die aktuelle Politik so weiter geführt werden, wird dies nicht nur bestätigt, sondern wir können gleich noch ergänzen: ein Volk von Hundehalter und Hundeexperten!

 

In der Hoffnung auf eine schnelle Besinnung und Korrektur dieser unsinnigen Politik, gelangte ich mit diesen Gedanken auch ans BVET, an die SKG und an politische Instanzen.

 

Folgende Fragen sollten wir (und vor allem alle verantwortlichen Organe und Politiker) uns stellen:

 

  • Ist es nötig und sinnvoll, nach einem Vorfall, der durch verantwortungslose (kriminelle) Hundehalter verursacht wurde, sämtliche (500'000) Hundehalter zu bevormunden?
  • Wie weit kann Zwangsunterricht erfolgreich sein und wer soll die vielen Kurse bewältigen (auf einem fachlich genügenden Niveau)?
  • Bewirken diese Kurse eine Änderung im Verhalten von Hundehalter mit mangelndem Verantwortungsbewusstsein (analog Verkehrsraudi)?
  • Wer profitiert von den grossen Kosten (in Millionenhöhe) welche durch diese aufoktruierte Massnahme entsteht und wer bezahlt?
  • Wie verläuft die Entwicklung der Hundesteuer und wofür bezahlen wir eigentlich?
Kontakt

Christoph  Rüedi

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